Was sind Demenzpartner?

Mit der Initiative “Demenzpartner werden” der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz erscheint wieder einmal ein neues Schlagwort in der Freiwilligen-Literatur. Was steckt dahinter? Wieder eine Parallelstruktur bzw. ein scheinbar neues Format, die zunächst mit reichlich PR-Aufwand popularisiert werden, aber nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit geraten?

Noch ist der “Demenz-Pate” in aller Munde oder der “Pate für Demenz”. Andere propagieren den “Demenz-Lotsen”.  Davor war es der bzw. die “Pflegebegleiter_In”.  Parallel dazu der Seniorenpate, “Seniorenpate für Menschen mit beginnender Demenz”, der Besuchspate und dergleichen mehr. Alle diese Bezeichnungen – um nicht noch mehr zu verwirren, erspare ich mir die gendergerechte Sprachakrobatik – beziehen sich auf Ehrenamtliche, die natürlich wiederum in diverse Organisationsformen und Netzwerke eingebunden sind: die Freiwilligenagentur, das Seniorenbüro, den Seniorenbeirat, das Quartiersbüro, das Mehrgenerationenhaus, den Nachbarschaftshilfe oder Generationenhilfeverein, die Generationen-Genossenschaft, die lokale Allianz, das Kompetenz-Netz, den Freiwilligendienst aller Generationen und und und. Die einen müssen sich, um sich so nennen zu dürfen, wie sie sich eben nennen, mittels ambitionierter Kurse zertifizieren lassen, die anderen helfen auch ohne spezielle Qualifizierung. Auch die aufgezählten “Strukturen” oder Institutionen wurden zumeist in feierlichen Auftaktveranstaltungen und mehr oder minder üppig gesponserten Kampagnen von begeisterten Landes- oder Bundespolitikern aus der Taufe gehoben. Ein Heer von Sozial-, Kommunal- und Pflegewissenschaftlern, Versorgungs-, Demografie-, Alterns- und Engagementforschern definierte, evaluierte und begleitete, EU, Bund und Länder förderten, Stifter stifteten, Spender spendeten, Aktionen waren aktiv und aktivierten, bürgerschaftlich Engagierte engagierten sich bürgerschaftlich, zivilgesellschaftlich Engagierte zivilgesellschaftlich, freiwillig Engagierte freiwillig und es will kein Ende nehmen. Schon wird die nächste Gemeinschaftsaufgabe Demografie ausgerufen und man legt sich schon mal die richtigen Projektbeschreibungen, Förder- und Forschungsmittelanträge oder Bettelbriefe in die Schublade.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: An vielen der oft mit erheblichen Vorschusslorbeeren versehenen und mit viel Geld unterstützten Entwürfe, Modell-Projekte, Kampagnen und Aktionen gibt es gar nichts auszusetzen. Aber offensichtlich gibt es auch ein “zuviel des Guten” und immer wieder die Erfahrung, dass die zukunftsträchtigen Lösungen gerade einmal so lange “gut laufen”, wie die Zuschüsse sprudeln. Aber nach der Ebbe kommt wieder die Flut, das nächste zündende Motto, der nächste einprägsame Begriff, der nächste Pressetermin mit optimistisch in die Zukunft blickenden Ministerinnen und Ministern, die um die schönsten Kampagnen buhlen. Rückwärts nimmer, denn irgendwas geht immer im Bundesinnen-, Sozial-, Gesundheits-, Familien-, Senioren und Was-auch-immer-geht-Ministerium. Im Ministerium brennt noch Licht, drum Freiwilliger, verzage nicht! Derweil erinnert man sich der Milliardenprojekte aus den entsprechenden “Häusern” wie z.B. von der Leyens Bildungspaket und Teilhabegesetz:  Gut gedacht, schlecht gemacht, nix gebracht. Die können’s also auch nicht besser. Wie mag’s da erst “vor Ort”, d.h. in den Kommunen zugehen, die fast alle kein Geld mehr haben und sich in Placebo-Politik mit postdemokratischen Luftnummern üben. Da feiern Karotten-Prinzip und Schiebewurst fröhliche Urständ. Nur wie lange werden pflegende Angehörige und ehrenamtliche Helfer den Schwindel mitmachen, Heiner Geißlers Ausspruch im Ohr: “Es gibt auf der Erde Geld wie Dreck! Es haben nur die falschen Leute.”

Auch in der Freiwilligenarbeit wäre weniger oft mehr: weniger falsche Euphorie und Zweckoptimismus, weniger durchs Dorf getriebene Säue, weniger Gießkannenprinzip in der Förderung von allem und jedem, weniger Missbrauch ehrenamtlichen Engagements zur Verschleierung staatlicher Selbstentmachtung und Ausplünderung der Sozialsysteme.

Was die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft mit ihrer Demenz-Partner-Initiative neben dem Hauptziel der Schaffung einer demenzfreundlichen Gesellschaft anstrebt, nämlich die seit Jahren an vielen Orten angebotenen Schulungen zum Thema Demenz unter einem gemeinsamen Dach zu bündeln, klingt unter dem Vorzeichen des oben Gesagten einleuchtend. Noch immer fehlt es angesichts der demografischen Entwicklung vielen an Problembewusstsein, aber auch an Eigeninitiative hinsichtlich der Vorsorge für den Fall der Pflegebedürftigkeit. Aufklärung tut not. Die Zahl derjenigen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, auch und gerade, um so lange es irgend geht in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung bleiben zu können, wird in den nächsten Jahren sprunghaft ansteigen, während die Pflegebereitschaft der Angehörigen abnimmt, die Zahl der allein lebenden Senioren zunimmt und der Fachkräftemangel im stationären wie ambulanten Bereich bedrohliche Ausmaße erreicht. Zwar versucht die Politik gegenzusteuern, doch sind die Verbesserungen der diversen “Stärkungsgesetze” (allein das Wort!) bestenfalls halbherzig. Und auch der sinnvolle Einsatz von Ehrenamtlichen, das hat man recht spät bemerkt, erfordert den Einsatz vieler Hauptamtlicher und ist nicht “für umme” zu haben. Wenn in der Kranken- und Altenpflege jetzt hektisch “niederschwellige” (will sagen kurz ausgebildete und schlecht bezahlte) Betreuer- und Begleiterjobs, also die nächsten Altersarmen und Leistungsbezieher neben den pflegenden Angehörigen, geschaffen werden, liegt dem ein Denkfehler zugrunde. Wenn es in Zukunft an examinierten Fachkräften fehlen wird, stehen auch die Heerscharen der Sozialbetreuer, Alltagsbegleiter, Betreuungsassistenten etc. nicht zur Verfügung, mit denen man Erstere zu “entlasten” gedenkt. Die einzige qualifizierbare Personalreserve besteht in den Älteren, die bei Renteneintritt noch gesund, flexibel und belastbar sind, so dass sie sich für Menschen mit nachlassenden alltagspraktischen Fähigkeiten und pflegebedürftige Hochbetagte einsetzen können.

Aber auch hier darf man sich nicht täuschen. Die “jungen Alten” haben durchaus eigene Vorstellungen von ihrem Engagement. Das Paten-Modell ist hier sehr gut geeignet, wenn man es nicht mit der Vorstellung einer Ehrenamtselite oder allzu ambitionierten Qualifikationsanforderungen überfrachtet. Viele Demenz-Paten-Curricula gehen hier schon zu weit. Die “Paten”, vielleicht mit Ausnahme derjenigen, die  bereits einschlägige Kenntnisse aus einer ärztlichen, pflegerischen, pädagogischen usw. Berufstätigkeit mitbringen, müssen keine universellen Pflege- oder Demenzexperten werden. Es reicht, wenn jeder das anbietet und perfektioniert, was er ohnehin gut kann. Der Besuchspate gestaltet Freizeit und führt Gespräche, der Gesundheitspate sorgt für Bewegung und gesunde Ernährung, der Hauswirtschaftspate unterstützt bei der Haushaltsführung, der Mobilitätspate begleitet zum Einkauf und zum Arzt usw. Die Vermittlung zwischen Hilfesuchenden und Helfern übernehmen Freiwilligenzentren/-agenturen, die schon bei der Durchführung von Demenzpartner-Basis-Kursen darauf achten, interessierte Freiwillige und z.B. pflegende Angehörige gemeinsam zu schulen, um den Kontakt zwischen ihnen herzustellen, oder die mit einer “Feier-Brigade” einsamen Menschen Geburtstagspartys o.ä. ausrichten, zu denen ihre Nachbarn eingeladen werden, um miteinander ins Gespräch zu kommen. So werden auf recht informellen Wegen aus Demenz-Partnern Demenz-Paten bzw. kleine Netzwerke von Hilfesuchenden und Hilfsbereiten. Der institutionelle Aufwand bleibt auf ein Minimum beschränkt. Desgleichen der Mittelverbrauch zu dessen Aufrechterhaltung.

Ulrich Lange

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